LICHTKAMMER, 2014, Domplatte, Köln

Das Südquerhaus des Kölner Doms ist ein immer wiederkehrender Bezugsort meiner Arbeit. Die Kathedrale beschäftigt mich schon seit einigen Jahren als Darstellungsobjekt. Mit meiner transportablen Camera Obscura hat es mich immer wieder auf den Domplatz gezogen, um die gotische Kirchenarchitektur zu fotografieren, aber auch die Menschen in ihrer Umgebung. Daraus sind zahlreiche Aufnahmen hervorgegangen, die, betrachtet man sie als Serie, Bezüge zu Claude Monets Malerei zur Fassade der Kathedrale von Rouen aufweisen können. Denn an der Südfassade ist das Licht in seinen ständig wechselnden Wirkungsformen und Modulierungen im Tagesverlauf besonders prägnant erfahrbar. Von einer fest installierten, begehbaren Camera Obscura an diesem Ort habe ich mir stets die Möglichkeit einer gesteigerten Licht-, Zeit- und Raum-Erfahrung versprochen, vielleicht auch durch dieses Experiment, den  Betrachtern einen zeitgenössischen, malerischen Blick auf die historische Architektur öffnen zu können.
(Martin Streit)

Intention und Funktion

Eine Camera Obscura ist der Prototyp aller Film- und Fotokameras. Ihre Funktionsweise basiert auf einem bereits seit der Antike bekannten optischen Prinzip, das sich Naturwissenschaftler, Astronomen und Künstler seit Jahrhunderten zu Nutze machten, um die Welt zu erforschen und darzustellen. Maler wie Vermeer oder Canaletto bedienten sich der Camera Obscura als Hilfsmittel, ebenso wie zuvor Brunelleschi bei der Entdeckung und Anwendung der Zentralperspektive. Das physikalische Prinzip ist sehr einfach. Fällt durch eine Lochblende oder eine Linse Licht in einen ansonsten dunklen Raum, so erzeugt es auf dessen Rückwand ein seitenverkehrtes und auf dem Kopf stehendes – wenn auch lichtschwaches – Abbild. Kontrast und Schärfe des Abbildes variieren je nach Lichtintensität und Durchmesser der Lochblende. Als Echtzeit-Projektion ist dieses sowohl Stand- als auch Bewegungsbild seiner Umgebung. Im Modell der Camera Obscura wiederholt sich auch das Prinzip der Wahrnehmung der Außenwelt durch das menschliche Auge. Unser Gehirn stellt dabei allerdings die „spiegelverkehrten“ Bilder wieder vom Kopf auf die Füße und dreht sie auf die „richtige“ Seite.

Der Maler Martin Streit verzichtet in seiner riesigen Camera Obscura bewusst auf alle optischen Hilfsmittel wie Spiegel und Linse. In der Außenwand seiner begehbaren Installation befindet sich in etwa 4 Meter Höhe lediglich eine Lochblende von ca. 2–3 cm Durchmesser, durch die das Tageslicht in den dunklen Container eindringt. Je kleiner das Loch fokussiert ist, desto mehr bündeln sich die Strahlen und umso schärfer wird das Abbild: allerdings zu Lasten seiner Leuchtkraft. Der transparente Stoff, auf den das Licht fällt, steht ca. 60 cm von der Lochblende entfernt und dient als eine Art Empfänger oder Membran für die Lichtstrahlen. Martin Streit interessiert sich für die Camera Obscura nicht unter naturwissenschaftlichen Aspekten, sondern als Mittel und Werkzeug künstlerischer Betrachtungsweise. Sein Anliegen ist es, die Außenwelt, die im Innern des Körpers aufscheint, wie ein gemaltes Bild erstehen zu lassen. Er transformiert somit den realen Bildgegenstand, im vorliegenden Fall das Südquerhaus des Kölner Doms, in die poetische Sprache der Malerei. Ein Live-Bild ist zu sehen. In der Wahrnehmung der Projektion verschmelzen bewegtes Bild, Film, Fotografie und Malerei zu einer Synthese. Streit arbeitet stets mit verschiedenen Graden von Unschärfe und verlangt den Besuchern Geduld ab, sich auf das Geschehen vor ihren Augen einzulassen. Zeit ist der wesentliche Faktor, der für das Hervortreten des Bildes notwendig ist. Es dauert etwa 3–5 Minuten, um das Auge an die Dunkelheit zu gewöhnen, während das Abbild immer mehr an Präsenz gewinnt. Je länger wir uns Zeit nehmen zu schauen, desto deutlicher und farbiger tritt das Bild in Erscheinung. Die begehbare Camera Obscura thematisiert das Sehen selbst als den Bild erzeugenden Prozess.

Die begehbare Camera Obsura von Martin Streit ist ein Raum der Stille, Konzentration und Kontemplation. Im experimentellen Wechselspiel von Unschärfe, Leuchtkraft und Kontrast deckt der Künstler die immanent malerischen Qualitäten der projizierten Außenwelt auf und schafft so eine andere, neue Ebene der Realität. Der Künstler plant, diese Installation an weiteren prädestinierten Orten (Landschaft–Architektur–Urbane Situationen) im In- und Ausland aufzustellen.

Ermöglicht wurde die Aktion durch die finanzielle Unterstützung von:

Konrad und Petra Adenauer, Dr. Patric und Alexandra Adenauer, Paul und Petra Bauwens Adenauer, Prof. Dr. Dieter Bayer, Detlev und Gabriele Bierbaum, Dr. Thomas und Astrid Bscher, Walter und Heidi Graebner, Karsten und Claudia Greve, Dr. Klaus Günther und Angelika Bäte-Günther, Dr. Rolf und Brigitte Halswick, Hanno und Friederike Haniel, Claas und Karen Kleyboldt, Dr. Stefan und Marion König, Peter W. Marx, Michael und Dr. Ulrike Munte, Eugen Alexander und Claudia Pirlet, Robert und Irmgard Rademacher, Melanie Rademacher, Dr. Carl und Bettina Rosarius, Jan und Ulrike Rüggeberg, Hans-Ewald und Barbara Schneider, Dr. Manfred Schneider und Erika Lehne, Ute Schütte, Dr. Cornel und Stefanie Soltek, Jochen und Ulrike Steinkrüger, Christian Strenger, Jürgen und Martine Weghmann, Hans und Uschi Welle, Dr. Burkhard Richter, Katholikenausschuss Köln, Kath. Fachstelle für Jugendpastoral und Stadtdekanat Köln, Bereich Geistliches Leben Erzbistum Köln, Künstlerseelsorge Köln

Am 30. August wurde das Projekt „LICHTKAMMER“ im Rahmen der 850- Jahrfeier des Dreikönigsfestes mit einer Vernissage im Hochchor des Kölner Domes feierlich eröffnet. Die Installation war bis zum 29. September 2014 öffentlich zugänglich und rief ein großes mediales Echo hervor. Während der vierwöchigen Öffnungszeit wurde sie von 25.000 Menschen besucht.

LICHTKAMMER, 2014, Domplatte, Köln